Rilkes drei Gedichte

RAINER MARIA RILKE (Prag, 1875 – Montreux, 1926)

Rilke Driade

Initiale

Gieb deine Schönheit immer hin
ohne Rechnen und Reden.
Du schweigst. Sie sagt für dich: ich bin.
Und kommt in tausendfachem Sinn,
kommt endlich über jeden.

Aus:Das Buch der Bilder (1902)

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

Aus: Das Stundenbuch / Das Buch von der Armut und vom Tode (1903)

Träume, die in deinen Tiefen wallen,
aus dem Dunkel laß sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liedintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoß.

Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn -

Aus: Mir zur Feier (1909)

Rilke cimitero