Gibs auf!

FRANZ KAFKA

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

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Eine philosophische Abhandlung verdichtet sich zu einer Kurzgeschichte, dicht wie ein Gedicht; der existenzielle Zustand des Menschen, dargestellt in einem Gemälde à la De Chirico, mit wenigen wesentlichen Elementen und so viel leer – ein perfektes Gemälde, in dem man nicht einmal ein Wort oder ein Komma bewegen, hinzufügen oder entfernen kann, weil alles, was so und dort benannt wird, ipso facto zum “Emblem” wird. Welche Macht, Kafkas Sprache!

Der erste Satz gibt uns die Raum-Zeit-Koordinaten: eine verlassene Stadt, sehr früh am Morgen. In dieser Stadt geht ein Ausländer zum Bahnhof: Er ist vor kurzem angekommen, er kennt sich noch nicht sehr gut aus, aber er muss schon weg – auch weil es für ihn nicht möglich ist, Wurzeln zu schlagen, seine Zeit stimmt nicht mit der der Stadt überein, seine Orientierungslosigkeit ist vollständig. Vergebens fragt er jemanden, der mehr wissen sollte als er, nach dem Weg: Als  Antwort bekommt er nur ein Lachen und eine Einladung, sich zu ergeben …

Der Polizist mit seinem Lachen will den Fremden nicht verspotten, er will ihn schützen: deshalb  dreht er sich um, um mit sich selbst allein zu sein: Er weiß, dass jeder im Leben nach seinem eigenen Weg suchen muss, um zur Endstation zu gelangen, bevor es zu spät ist, und bei dieser Suche ist jeder allein, er bewegt sich in einem Raum und einer Zeit nur seiner eigenen …

Aber der Titel der Geschichte lautet nicht “Das Lachen”, sondern “Gibs auf” – und dies ist vielleicht die tiefgreifende Botschaft. Gibs auf, vergiss es, suche nicht nach dem Weg: wie der spanische Dichter Machado schreibt, existiert der Weg nicht, der Weg wird durch das Gehen gemacht – und wird erkannt erst nach dem Gehen, im Rückblick …

(Gabriella Mongardi)